Sven A. Korf - Ingenieur & Industrieberater

Die Grosse Mango

"The Big Mango" ist der erste Roman von Jake Needham aus dem Jahr 1998. Bis heute sind insgesamt acht Bücher von ihm erschienen. Die Abenteuer von Eddie Dare, dem etwas herunter gekommenen Anwalt aus San Francisco, der sich auf Schatzsuche nach Bangkok begibt, sind mir aber besonders ans Herz gewachsen.

Der Autor, den ich seit vielen Jahren kenne, bedauert es ebenso wie ich, dass es bisher keine Übersetzung seiner Romane ins Deutsche gegeben hat. Vor etwa einem Jahr habe ich die Sache dann kurzerhand selbst übernommen. Dabei heraus gekommen ist, na was wohl, "Die Grosse Mango".

Kaum war das Manuskript fertig, begannen verschiedene deutschsprachige Verlage sich dafür zu interessieren. Wirklich damit gerechnet hatten weder Jake noch ich, denn die Erstveröffentlichung ist ja bereits achtzehn Jahre her. Trotzdem wäre es natürlich eine tolle Sache, wenn mein Manuskript tatsächlich einen Verleger finden würde. Aber so weit ist es noch nicht und bis dahin veröffentliche ich hier den Anfang der Geschichte.

Wer sich warm gelesen hat kann das e-Buch bei Amazon, Thalia, Kobo und Co. herunterladen und mir damit einen kleinen Gefallen tun:

Jake Needham, Die Große Mango, ISBN: 978-3-7427-8624-1

 

Prolog

Irgendwann am späten Nachmittag des 21. April 1975 legte Nguyen Van Thieu sein Amt als Präsident der Republik Südvietnam nieder und überließ den Nordvietnamesen das Wenige, das von seinem geschundenen Land übrig geblieben war.

Unbemerkt von der Öffentlichkeit rollte kurz vor Anbruch des nächsten Tages eine C-118 Liftmaster der südvietnamesischen Luftwaffe auf die Startposition des verdunkelten Flugplatzes von Tan Song Nhut. Das Flugzeug war schwer beladen mit großen Holzkisten, die im Schutz der vergangenen Nacht mit mehreren Militärlastwagen vom Präsidentenpalast herangeschafft worden waren. Nach dem Start gewann die Maschine nur langsam an Höhe, drehte träge bei und verschwand in westlicher Richtung in die Dunkelheit.

Vier Nächte später, am 25. April 1975, stellte der amerikanische Botschafter in Saigon eine bereits etwas in die Jahre gekommene DC 6 bereit, mit der Thieu und seine engsten Mitarbeiter Vietnam unauffällig verließen. Jeder an Bord war im Besitz eines von Präsident Gerald Ford persönlich unterzeichneten Dokuments, welches ihnen die Einreise in die Vereinigten Staaten von Amerika erlaubte.

Am Morgen des 26. April brodelte die Gerüchteküche in Saigon. Thieu und seine Kumpane seien geflohen und für ihr künftiges Auskommen hätten sie auch gut vorgesorgt. Es hieß außerdem, dass die Tresore der Bank of Vietnam besenrein leer seien. Stattdessen befänden sich die staatlichen Reserven im Untergeschoss eines äußerlich völlig unauffälligen Lagerhauses in der Phan Binh Straße, einer engen, von Granateinschlägen übersäten Gasse, unmittelbar nördlich der amerikanischen Botschaft gelegen. Die CIA hätte in einer geheimen Operation alles Geld mitsamt den staatlichen Goldreserven dorthin gebracht, um es vor dem Zugriff des immer näher rückenden Vietcong in Sicherheit zu bringen.

Einige Wochen zuvor wurde in der Tat ein Hauptmann der US Marines, der das besondere Vertrauen des CIA Stationschefs in Saigon genoss, mit einem streng geheimen Auftrag betraut. Die Mission lautete, die staatlichen Besitztümer der zerfallenden Republik Südvietnam dem Zugriff der Nordvietnamesen zu entziehen. Der Mann erledigte die ihm gestellte Aufgabe gut. Das hatte der Stationschef auch nicht anders erwartet, wusste er doch, dass er sich auf den Offizier verlassen konnte. Dieser stand zwar im Ruf, ein etwas sonderbarer Kauz zu sein, aber zugleich war er gebildet, intelligent und kreativ beim Lösen unerwarteter Probleme. Man sagte sogar, der Hauptmann würde in seiner Freizeit Gedichte schreiben, doch der Stationschef hatte nie etwas von ihm gelesen und ihn auch nie danach gefragt. Dass der Mann belesen war, hätte man aber bereits an dem Codenamen erkennen können, den er der für die Aktion gewählt hatte: Operation Voltaire. Niemand hat ihn je gefragt, warum.

Zwei amerikanische Mitarbeiter der CIA packten fast zehn Tonnen Geld, das meiste davon US Dollar, und eine beeindruckende Anzahl Goldbarren in die bereitstehenden Holzkisten. Ein paar vietnamesische Botschaftsangestellte transportierten diese Kisten dann auf LKWs in das Lagerhaus in der Phan Binh Straße. Sie hatten natürlich keine Ahnung vom Inhalt ihrer Fracht. Nachdem die Aktion abgeschlossen war, organisierte der gute Hauptmann mit einer Handvoll besonders zuverlässiger Marines einen unauffälligen Wachdienst für die Lagerhalle, lehnte sich zurück und wartete auf den Befehl, seine wertvolle Fracht außer Landes zu bringen.

Dieser Befehl kam nicht.

Als sich die Schlinge um Saigon immer enger zusammen zog, drängte die CIA den kläglichen Rest derer, die von der südvietnamesischen Regierung übrig geblieben waren, auf Zustimmung zur Durchführung von Operation Voltaire. Die Amerikaner brauchten die Genehmigung, die verbliebenen Geld- und Goldreserven der Bank of Vietnam in die Schweiz schaffen zu dürfen. Doch die von ihrem Präsident Thieu allein gelassenen Männer zauderten. Sie klammerten sich an ihre Tagträume wie Ertrinkende an ein viel zu kleines Stück Treibholz.

Vielleicht würde man sich mit dem Norden doch noch irgendwie am Verhandlungstisch einigen können. Das hofften sie wider jede Vernunft und wenn es dazu käme, würde eine Beteiligung an Operation Voltaire gar nicht gut aussehen. Die Nordvietnamesen würden jeden, der einem solch vorschnellen Plan zugestimmt hatte, als Hochverräter ansehen. Und das wäre mit Sicherheit tödlich.

Dann kam der 30. April 1975 und es war sowieso alles egal.

Die nordvietnamesische Artillerie eröffnete ihr gnadenloses Trommelfeuer auf Saigon, die Stadt begann zu brennen, und in der Bevölkerung brach die nackte Panik aus. Die amerikanische Regierung ordnete die Evakuierung aller US Bürger aus Saigon an. Das Botschaftsgelände musste von einem schweren Aufgebot von US Marines mit M-16 Sturmgewehren vor der wütenden Menge der Südvietnamesen abgeschirmt werden. Nur der kanisterweise Einsatz von Tränengas machte die Aktion möglich.

Als der letzte mit Amerikanern voll besetzte Hubschrauber vom Dach der bereits brennenden Botschaft abhob und in Richtung der vor der Küste im südchinesischen Meer wartenden Flugzeugträger davon knatterte, hatten die Holzkisten in der Phan Binh Straße nur noch die Bedeutung von knapp zehn Tonnen lästigem Übergepäck. Operation Voltaire war vergessen.

Die Jahre vergingen und die wenigen Menschen, die von der Operation Voltaire wussten, gingen in den Ruhestand oder sie starben. Ernst zu nehmende Spekulationen über den Verbleib des südvietnamesischen Staatsschatzes verstummten zusammen mit den Zeugen des Geschehens. Die abenteuerliche Geschichte über den Berg von Geld und Gold, den die Amerikaner bei ihrer Flucht aus dem brennenden Saigon zurückließen, verkam zu einer Fußnote in den Annalen der reichhaltigen Washingtoner Märchensammlung.

Zwanzig Jahre später, in 1995, war Aussöhnung das Gebot der Stunde. Das kommunistische Vietnam und die Vereinigten Staaten von Amerika nahmen wieder diplomatische Beziehungen zueinander auf, die Botschaften auf beiden Seiten wurden wiedereröffnet und Diplomaten wurden über den Pazifik nach Hanoi und Washington entsandt.

Seit den Zeiten des kalten Krieges ist es durchaus üblich, die Position des Zweiten Botschaftssekretärs durch einen hochrangigen Geheimdienstmann zu besetzen. Daher war es kein Zufall, dass der neu ernannte Zweite Sekretär der amerikanischen Botschaft in Hanoi zu Beginn seiner beruflichen Karriere schon einmal in Vietnam gewesen war. Damals aber, 1975, war er noch in Saigon stationiert gewesen, auf einer seinem jungen Alter entsprechenden unbedeutenden Position. Die alten Dienstpläne wiesen Ihn als „Junior Cultural Attaché“ aus. Dieser Zweite Sekretär war eine der ganz wenigen im öffentlichen Leben verbliebenen Personen, die mit Sicherheit wussten, dass die Geschichte des in den Ruinen Saigons zurückgelassenen Berges von Geld und Gold kein Märchen war. Und vergessen hatte er auch nicht.

Soweit es dem Zweiten Sekretär bekannt war, war nie wieder auch nur die kleinste Spur der verschollenen Millionen irgendwo aufgetaucht. So nahm er die erste beste Gelegenheit wahr, die sich ihm bot, unter einem Vorwand von Hanoi nach Saigon zu reisen, das jetzt Ho Chi Minh City hieß – eine weitere Demütigung der Stadt und ihrer Bewohner. Sein erster Weg führte ihn in die Phan Binh Straße.

Das Lagerhaus war verschwunden.

Der Zweite Sekretär blickte über die leere Fläche, auf der es einst gestanden hatte; er betrachtete die Berge zerborstenen Betons und die rostigen Bewehrungseisen, die als einzige Überreste des verschwundenen Bauwerks aus dem Boden ragten. Dann schlenderte er weiter die kleine Straße hinunter ohne noch einmal anzuhalten oder sich umzudrehen.

Die beste Schätzung, die dem Zweiten Sekretär mit einiger Sicherheit gelungen war, hatte ergeben, dass die knapp zehn Tonnen Gold und Bargeld, die er im April 1975 in dem Lagerhaus in Holzkisten verladen hatte, heute etwa 400 Millionen US Dollar wert sein mussten.

Da sich nichts mehr an seinem Platz befand, beschloss der Zweite Sekretär, Nachforschungen über den Verbleib des Staatsschatzes anzustellen. Sehr dezente und diplomatische Nachforschungen. Er wollte herausfinden, was die Nordvietnamesen damit gemacht hatten, nachdem Saigon gefallen war.

Zu seiner großen Überraschung stellte der Zweite Sekretär fest, dass die Nordvietnamesen gar nichts gemacht hatten.

Sie wussten überhaupt nichts davon.

Eins

Vierzehn Monate als kleiner Korporal bei der Marineinfantrie hatten in Eddie Dare die Überzeugung reifen lassen, dass er zu etwas Besserem geboren war, als zusammen mit einem Haufen zugekiffter Armleuchter fürs Vaterland durch den Schlamm zu robben. Jetzt, mehr als zwanzig Jahre später, musste er sich eingestehen, dass es unübersehbare Parallelen gab zwischen seiner früheren Tätigkeit in der Armee und der eines praktizierenden Rechtsanwaltes in San Francisco.

Mit einem Seufzer öffnete Eddie den Sportteil des Chronicle und legte die Zeitung so vor sich gegen den Serviettenhalter aus Edelstahl, dass er sie freihändig zum Frühstück lesen konnte.

Das Buena Vista Café befand sich ganz am unteren Ende der Hyde Street, direkt an der Bucht von San Francisco, da wo die Wendeplattform der Cable Cars aus Richtung Union Square ist. Wenn es sich irgendwie einrichten ließ, begann Eddie seine Arbeitstage genau dort, auf einem der Hocker am Tresen des Buena Vista Café.

Drei Spiegeleier, knuspriger Schinken und diese wunderbar dick geschnittenen Mettwurstscheiben, die es in ganz San Francisco sonst nirgends gab. Dazu Kartoffelrösti und zwei Scheiben heißer Sauerteigtoast, so dick mit Butter bestrichen, dass sie an seinen Fingern herunter lief, sobald er den Toast in die Hand nahm. Eddie wusste natürlich, dass diese Art Frühstück eigentlich aus der Mode gekommen war, aber das war ihm egal. Wahrscheinlich war auch er selbst schon längst aus der Mode gekommen und die Ernährungsapostel dieser Welt konnten ihn mal.

Die Bedienung kam mit einer Kaffeekanne in der Hand an seinen Platz. Blond, athletisch und etwas zu sonnengebräunt sah sie aus, wie die meisten Jogger, die an den Wochenenden in Massen ihre Runden durch den Golden Gate Park drehten. Sie schenkte Eddie frischen Kaffee nach und bedachte ihn mit ihrem strahlendsten Lächeln. Um diese Uhrzeit und noch vor dem zweiten Becher Kaffee war Eddie jedoch nicht in der Lage, zurück zu strahlen.

„Darf’s noch etwas sein, mein Lieber?“

„Nein Danke, Suzie. Ich muss jetzt wirklich ins Büro.“

„Sag bloß du hast einen neuen Fall?“ erkundigte sich Suzie. „Dann werden ja vielleicht auch mal deine Trinkgelder etwas ansehnlicher.“

Suzie hatte begonnen mit Eddie zu flirten, als er anfing morgens ins Buena Vista zu kommen anstatt abends nach der Arbeit. Natürlich war ihm auch nicht entgangen, dass sie ihn sogar dezent auf ihren Schichtwechsel von spät auf früh hingewiesen hatte. Sie sagte, sie hätte die Nase voll von all den Yuppies und Touristen, die allabendlich das Buena Vista bevölkerten, ihren Irish Coffee schlürften und dabei auf irgendetwas Interessantes warteten, das dann meistens doch nicht passierte. Sie stünde mehr auf reifere Männer, solche, die bereits etwas erlebt hätten. Die wären viel ausgeglichener. Natürlich hatte Eddie auch diesen Hinweis verstanden, aber seine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Suzie war ganz nett, aber genau das war Eddies Problem. Er steckte bereits bis zum Hals in „ganz nett“. Sein ganzes Leben war irgendwie ganz nett.

Verdammt, wird das irgendwann auch mal auf meinem Grabstein stehen? fragte er sich. Hier ruht Eddie Dare, er war ganz nett.

„Hat dich diese Frau eigentlich mal angerufen? Du weißt schon, die, der ich mal deine Nummer gegeben habe.“

„Ich bin kein Scheidungsanwalt, Suzie.“

„Naja, ich habe mir halt gedacht, bei all der Erfahrung, die du hast…“

Eddie zuckte ein wenig zusammen. Okay, Schätzchen, ich war ein paarmal verheiratet, na und?

„Die Frau hat ausgesehen, als hätte sie ziemlich viel Geld“ bohrte Suzie weiter.

„Suzie, ich mache keine Scheidungen, Punktum.“

Etwas verlegen begann Suzie, einen unsichtbaren Fleck von der Theke weg zu polieren, dann warf sie sich das Handtuch über die Schulter und goss Eddie Kaffee nach.

„Du arbeitest also immer noch an dieser Hundesache?“

„Ich arbeite an einem Fall, in dem ein Hund eine Rolle spielt.“

„Waren es nicht zwei Hunde?“ rächte sich Suzie für Eddies Haarspalterei.

„Okay, zwei Hunde.“

Eddie hatte Eric Ratmoski in den vergangenen fünf Jahren schon einige Male vertreten. Hier ein paar Einbrüche, da eine Erpressung, mehrere Körperverletzungen, unerlaubter Waffenbesitz war natürlich auch dabei und eine Verurteilung wegen illegalen Glücksspiels. All das gehörte mehr oder weniger zu Erics Tagesgeschäft. Nun hatte er sich auch noch kopfüber ins Porno-Geschäft gestürzt. Das allein hätte Eddie nicht wirklich aus der Fassung gebracht, aber Erics gleichzeitige Begeisterung für Deutsche Schäferhunde ging wirklich zu weit.

Zwei dieser Hunde, von denen Eric behauptete, er würde sie ganz besonders lieben, waren ihm von den Behörden weggenommen und einem Tierheim übergeben worden. Was genau Eric damit meinte wenn er sagte er liebe diese Tiere, wollte Eddie gar nicht so genau wissen. Jedenfalls ließ Eric nicht locker und verlangte von ihm, er solle ihm seine Hunde so schnell wie möglich zurück bringen. Bis jetzt hatte Eddie damit aber noch keinen Erfolg gehabt, stattdessen lästerten die Jungs von der Sitte bereits über ihn und rissen bei jeder sich bietenden Gelegenheit ziemlich geschmacklose Hundefickerwitze. Vielleicht sollte er Eric einfach empfehlen, sich einen anderen Anwalt suchen. Einen echten Hundeliebhaber zum Beispiel.

„Ich weiß nicht, Eddie“, dachte Suzie laut nach, „wenn ich Anwältin wär‘, würde ich doch lieber mit meinen Klienten über ihre Scheidungen reden als mir stundenlang Hundefickerfilme ansehen zu müssen.“

Eddie suchte noch vergebens nach einer passenden Antwort als er schließlich von einem Gast am anderen Ende der Theke erlöst wurde, der winkend nach frischem Kaffee verlangte. Mit der Kanne in der Hand machte sich Suzie auf den Weg. Eddie nutzte seine Chance, nahm das letzte Stückchen Toastbrot, wischte den Teller damit ab und steckte es in den Mund. Dann kramte er schnell einen Zwanziger hervor und legte ihn auf den Tresen. Im Hinausgehen winkte er Suzie noch einmal über die Schulter zu. Eddie lief hinüber zum Cable Car und fuhr über den Russian Hill zu seinem Büro.

Die Leute in San Francisco behaupteten, nur Touristen würden mit dem Cable Car fahren und im Großen und Ganzen stimmte das auch. Die meisten Einheimischen hatten einfach keine Lust, sich an Flip-Flops, Kameras und Kindern mit dämlichen Sprüchen auf ihren T-Shirts vorbei in die Wagen zu zwängen. Aber es war noch zu früh am Morgen für die Touristenschwärme und deshalb hatte Eddie keine Schwierigkeiten, einen Sitzplatz für seine Fahrt über den Berg zu bekommen.

Es war schon einige Jahre her seit er an das bessere Ende der Grant Avenue umgezogen war, direkt westlich der Market Street. Seine Kanzlei lag seitdem im ersten Stock eines kleinen, etwas viktorianisch anmutenden Gebäudes mit einem Chinarestaurant in Erdgeschoss. Im zweiten Stock befand sich die Pacific Century Import Company, deren Geschäftszeiten nur sehr sporadisch waren und wenn, dann spät abends. Das war sogar an einem liberalen Ort wie San Francisco reichlich dubios, aber Eddie hatte beschlossen, keine Fragen zu stellen und das wiederum war völlig normal in San Francisco.

Seine berufliche Laufbahn hatte eigentlich ausgesprochen viel versprechend in einem schicken, glasverspiegelten Büroturm begonnen. Von dort aus hatte sich Eddie systematisch in sein Ein-Mann-Büro über dem Chinarestaurant nach unten gearbeitet. Dass Karrieren normalerweise anders herum funktionieren war ihm natürlich bekannt und er hätte es für sich selbst auch gern so gehabt. Aber er hatte sich nichts vorzuwerfen und das war ihm wirklich wichtig. Die Würfel waren nun einmal so gefallen und er fand, dass er das Beste für sich herausgeholt hatte.

Nachdem er Wren & Simon, die große und schicke Kanzlei verlassen hatte, begann er seine Solokarriere zunächst in zwei schäbigen Zimmern über einer Gemüsehandlung in Chinatown. Die ersten Tage in seiner neuen und sehr stillen Umgebung verbrachte Eddie allein und machte sich mit dem Umstand vertraut, dass er keine Mandanten hatte. Nicht einen. Da Mandanten aber nun mal das Salz in der Suppe einer Anwaltspraxis sind, brauchte er dringend eine Strategie, die diesen ruinösen Zustand der Untätigkeit so schnell wie möglich beenden würde.

Besonders subtil war Eddies Strategie nicht gerade. Er zog seinen besten Anzug an und drückte sich tagelang in den Gerichtsgebäuden von San Francisco herum. Seiner dort reichlich anwesenden Zielgruppe vermittelte er, dass er bereit war, für wenig Geld zu arbeiten. Damit war er erstaunlich erfolgreich, denn er hatte einen entscheidenden Vorteil gegenüber all den anderen schäbigen Anwälten, die sich auf ähnliche Weise ihre Mandanten suchten und von denen die meisten in Eddies Augen ohnehin bald selbst auf der Anklagebank enden würden: Er konnte schneller rennen.

Irgendwie kam er tatsächlich ins Geschäft und dabei war er sich selbst nicht ganz sicher darüber, wie er das geschafft hatte. Schneller als er es erwartet hatte nahm seine Mandantenliste recht beeindruckende Ausmaße an, zumindest bezüglich der Anzahl seiner Mandanten, weniger hinsichtlich ihrer Qualität.

Manchmal sorgte sich Eddie ein wenig über den Umstand, dass er von Strafrecht eigentlich gar keine Ahnung hatte. Nach der Universität hatte er nichts anderes praktiziert als Finanz- und Steuerrecht. Doch dann tröstete er sich damit, dass die meisten, wenn nicht alle seiner Mandanten ohnehin so unschuldig waren wie Jack the Ripper und dass es deshalb eigentlich völlig unwichtig war, wie viel oder wenig er vom Strafrecht verstand. Er fragte sich auch oft, wie viele junge Ärzte wohl wirklich etwas von Medizin verstanden wenn sie frisch von der Universität auf ihre Patienten losgelassen wurden. Dieser Gedanke versetzte Eddie in ehrliche Panik und er schwor sich, nur noch Ärzten aufzusuchen, die mindestens siebzig Jahre alt waren.

Eddie sprang vom Cable Car, als sich die Fahrt in der California Street verlangsamte, um dem Schaffner die Gelegenheit zu geben, die Zusatzbremsen des Wagens für die steile Abfahrt den Nob Hill hinunter einzustellen. In demselben Tempo, das ihm der Cable Car mitgegeben hatte, joggte er diagonal über die Powell Street und bog ohne langsamer zu werden direkt in die Grant Avenue ein. Das sah bestimmt ganz schön sportlich aus und er bedauerte es, dass niemand da war, der seinen morgendlichen Elan hätte bewundern können.

Er ging die Treppe hinauf und hörte schon im Treppenhaus das Klappern von Joshuas Computertastatur. Eddie kannte Joshua schon seit seiner Assistentenzeit bei Wren & Simon. Er hatte es nie wirklich verstanden, warum Joshua die Sicherheit und das Prestige seiner Stellung dort aufgegeben hatte und  mit ihm nach Chinatown gegangen war. Joshua lebte zusammen mit einem pensionierten Feuerwehrmann auf einem Hausboot in Sausalito und war Eddies loyalster Mitarbeiter. Er war allerdings auch sein einziger Mitarbeiter. Joshua war sehr dünn, geradezu mager, hatte eine lange graue Mähne und trug eine rahmenlose Brille. Er sah also genau so aus, als wäre er mit einer Zeitmaschine direkt aus den Sechzigern von einem Grateful Dead Konzert in Eddies Büro gekommen. Wie alt sein Mitarbeiter war, wusste Eddie nicht und er konnte sich gut vorstellen, dass Joshua selbst es auch nicht so genau wusste.

„Wenn du glaubst du kannst mir jetzt einfach irgendeine andere Arbeit aufdrücken, vergiss es.“ Wie immer hatte Joshua weder von seinem Computer aufgeblickt, noch hatte er zu tippen aufgehört, als er sprach. Eddie fragte sich, woher er überhaupt wusste, wer hereingekommen war.

„Ich arbeite immer noch an den Beweisanträgen im Fall Meyer.“ fügte er hinzu.

„Wie wär’s denn, wenn du stattdessen endlich mal mit dem Fall Lansky anfangen würdest?“

„Ich kann mich an keinen…“ Joshuas Finger hielten inne, seine Augen blieben auf den Bildschirm fixiert. „Sollte das etwa ein Witz gewesen sein, Eddie?“

Bevor Eddie irgendetwas erwidern konnte, schüttelte Joshua den Kopf und begann wieder zu tippen, viel schneller als vorher.

„Das war dürftig, Eddie. Richtig armselig.“

„Irgendwelche Nachrichten?“ fragte Eddie, eigentlich nur, um Joshua abzulenken.

„Michael hat aus Seattle angerufen.“

Das war seltsam. Eddies Sohn war gerade vierzehn geworden und meldete sich nur noch sehr selten bei ihm.

„Wirklich? Was wollte er denn?“

„Das hat er nicht gesagt. Er wollte es später nochmal versuchen.“

Joshua war der Ansicht, dass Michael seinen Vater despektierlich behandeln würde und dass Eddie sich viel zu viel von seinem Sohn gefallen ließ. Das führte seit einiger Zeit zu spürbaren Spannungen zwischen Joshua und Michael und niemand gab sich sonderlich große Mühe, das zu verbergen. Es war fast so, als würde Joshua sich für ihn schämen.

Damit hatte Joshua den Nagel auf den Kopf getroffen, dachte Eddie, und natürlich mochte auch er Michaels Verhalten nicht. Er merkte aber auch, wie schwierig es war, Vater und ex-Mann zugleich zu sein. In einer solchen Situation blieb ihm eben nichts anderes übrig, als Zugeständnisse zu machen. Joshua hatte weder Erfahrung als Ehemann, noch als Vater. Zumindest war Eddie nichts dergleichen bekannt. So ließ er die Sache einfach auf sich beruhen und kümmerte sich nicht weiter darum.

Es war noch während Eddies Zeit bei Wren & Simon, als er eines Abends spät nach Hause kam und feststellen musste, dass seine Frau mitsamt Michael und dem Meisten, was sie zusammen besessen hatten, ausgezogen war. Bevor er wirklich begriffen hatte was ihm widerfahren war, meldete sich Jennifer aus Seattle, reichte die Scheidung ein und beantragte das Sorgerecht für Michael. Sie gab Eddie nicht wirklich die Schuld am Scheitern ihrer Ehe. Sie wollte nur einfach nicht mehr ein verheiratetes Anhängsel sein und stattdessen lieber ihr eigenes Leben haben, sagte sie. Eddie wusste nicht recht, was er davon halten sollte, er schaffte es sogar, ein gewisses Maß an Verständnis für Jennifers Ansichten aufbringen. Als die Scheidungspapiere kamen, unterschrieb er ohne lange nachzudenken und schickte sie zurück.

Während Eddie noch versuchte, sich an sein unerwartetes Singledasein zu gewöhnen, ereignete sich das, was er später nur noch als „Die Meinungsverschiedenheit“ zu bezeichnen pflegte und zu seiner plötzlichen Trennung von Wren & Simon führte. Das machte zwei Scheidungen in einem Monat. All das war jetzt fast zehn Jahre her, aber er konnte sich immer noch minutiös an jede Einzelheit erinnern. Wie es war, als die Vorstände ihn in den Konferenzraum riefen und ihn feuerten. An jedes Wort, das sie zu ihm gesagt hatten, konnte er sich erinnern. Die Erinnerung an die Scheidung von seiner Frau hingegen war bereits völlig verblasst.

„Sonst keine Nachrichten?“ fragte Eddie.

„Nichts, das dich interessieren müsste.“

Der gute alte Joshua, dachte Eddie. Immer alles unter Kontrolle. Eddie hingegen war sich schon seit seiner Kindheit nicht mehr so sicher, ob er noch alles unter Kontrolle hatte. Damals, auf der Feier, die seine Eltern zu seinem fünften Geburtstag organisiert hatten, hatte er Becky Schulman verprügelt. Sie war sieben, hatte ihm die Zunge herausgestreckt und ihn einen Trottel genannt. Da hatte er mit seiner kleinen Faust ausgeholt und perfekt getroffen. Becky hatte mit ihrer blutenden Nase den ganzen Teppich versaut und dann bekam Eddie ein paar ordentliche Backpfeifen von seiner Mutter, wobei unklar blieb, ob die für Becky Schulmann oder den versauten Teppich waren. Jedenfalls hatte er nicht geweint weil er fand, dass es das wert gewesen war. Er hatte die kleine Hexe voll erwischt und noch heute war er fest davon überzeugt, dass sie diese Abreibung verdient hatte. Das war vielleicht das letzte Mal in seinem Leben gewesen, wo er das Gefühl hatte, eine Situation vollständig unter Kontrolle zu haben.

„Würdest Du mir bitte einen Kaffee bringen, Joshua?“ fragte Eddie auf dem Weg in sein Büro.

„Sofort, mein Meister.“

Idiot dachte Eddie und setzte sich in seinen braun gepolsterten Schreibtischstuhl mit der kurzen Rückenlehne – er hasste diese riesigen thronartigen Ledersessel, in denen sich die meisten Anwälte besonders wohl fühlten – und ließ seine Aktentasche neben dem Schreibtisch auf den Boden plumpsen. Dann begann er lustlos mit der Durchsicht der Post und war angenehm überrascht, zwischen den Bergen von Werbung zwei richtige Briefe zu finden. Der erste hatte den Absender „Martin, Fletcher & O’Brien“, eine berühmt berüchtigte Kanzlei, die etwa die Hälfte des Bank-of-America-Towers für sich angemietet hatte. Eddie warf den Umschlag ungeöffnet zurück auf den Schreibtisch.

Der zweite Brief interessierte ihn mehr, denn er hatte keinen Absender. Eddie betrachtete ihn neugierig.

Es war ein Luftpost Briefumschlag von der altmodischen Sorte, mit dem rot-blau gestreiften Rand und der Aufschrift „Par Avion“ in großen Druckbuchstaben unter zwei sehr exotisch aussehenden Briefmarken. Eddie hatte einen solchen Briefumschlag schon lange nicht mehr in den Händen gehalten und er war sogar ein bisschen überrascht darüber, dass es solche Umschläge überhaupt noch gab.

Die Anschrift war von Hand geschrieben, ganz ordentlich in Druckschrift und mit blauer Tinte:

MR. EDWARD DARE

ATTORNEY-AT-LAW, 469 GRANT STREET

SAN FRANCISCO, CALIFORNIA 94108

UNITED STATES OF AMERICA

Der Umschlag war nicht sehr dick und als Eddie ihn öffnete dachte er erst, er sei leer. Er drehte ihn mit der geöffneten Seite nach unten über den Schreibtisch und schüttelte. Heraus fiel ein einzelnes Foto. Eddie beugte sich vor um es zu betrachten.

Auf dem Bild war eine Gruppe junger Soldaten zu sehen, die mit asiatischen Mädchen herumalberten. Die Art der Uniformen und die Umgebung der Aufnahme deuteten darauf hin, dass das Foto aus der Zeit des Vietnamkrieges stammen musste. Ansonsten gab es keinerlei Hinweise darauf, wo oder wann genau das Bild gemacht wurde.

Dann war da etwas, das Eddies ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich zog. Langsam nahm er das Bild vom Schreibtisch auf und betrachtete es für eine sehr lange Zeit.

Jemand hatte mit einem Rotstift einen Kreis auf dem Foto markiert. Scharf und kräftig fraß sich die rote Linie tief in das Fotopapier und hatte es an einer Stelle sogar vollständig perforiert; beinahe so, als sollte der junge Soldat, dessen Gesicht sich in der Mitte des roten Kreises befand, geköpft werden. Das war böse. Eddie betrachtete das jugendliche Gesicht in dem Kreis und das Gesicht schien ebenfalls zu ihm auf zu sehen, mit einem tiefen, roten Einschnitt durch den Hals.

Es gab keinen Zweifel, Eddie war sich sicher. Der junge Soldat mit dem etwas schiefen Gesicht und dem verschmitzten Lächeln – war er selbst.

Zu Eddies Überraschung über diese Konfrontation mit seiner eigenen, längst verdrängten Vergangenheit, mischte sich plötzlich ein tiefes Unbehagen, hervorgerufen durch den brutal um sein Gesicht gezirkelten roten Kreis. Zugleich fühlte er sich ertappt und beobachtet hinter seinem billigen Schreibtisch in seinem schäbigen Büro, von seinem eigenen arglosen und jugendlichen Konterfei. Trotz all seiner Schlitzohrigkeit berührte in dieses Gefühl noch tiefer als der unheimliche rote Kreis um sein Gesicht.

Eddie begann, sein Gedächtnis nach einer sinnvollen Erklärung für all das zu durchforsten. Irgendeine passende, logische Begründung für das Bild. Er fand keine. Nachdenklich rutschte er auf seinem Stuhl hin und her und spürte, wie langsam aber sicher ein eiskalter Schauer seinen Rücken hinunter lief. Schließlich stand er mit dem Foto in der Hand auf und ging zum Fenster um es bei Tageslicht noch genauer zu untersuchen.

Irgendetwas kam da auf ihn zu. Es kam direkt aus einer dunklen, vergessenen Ecke seiner eigenen Vergangenheit. Er hatte keine Ahnung was es war, aber er war sich sicher:

Was immer es war, es kam mit Macht und es verhieß nichts Gutes.